Flucht an der Grenze zu Belgien

In Folge der Entrechtung der Juden und der Judenverfolgung mussten während des NS-Regimes viele Juden aus Deutschland fliehen. Die Nähe zu Belgien machte Aachen und die Umgebung für viele Juden oftmals zur letzten „Station“ in Deutschland. Diese Flucht war immer verbunden mit Leid und Angst, da ein gelingen der Flucht nie garantiert war, die Juden oft auf sich allein gestellt waren und sich teilweise nicht ba007667auskannten.

Die Grenze nach Belgien an der Lütticher Straße, aber auch andere Grenzübergänge, wie der an der Vaalser Straße zu den Niederlanden war Zeuge vieler dieser Szenen voller Leid und Gewalt. Hier wurden viele Juden von den Grenzkontrollen gefangen genommen und verschleppt.

Neben den Grenzkontrolleuren gab es aber auch solche Leute die den Juden zur Flucht geholfen haben. Teils wurde spontan und ohne große Planung zur Flucht verholfen, aber es gab auch gut organisierte und lange im Voraus geplante Aktionen. Es wurden „Fluchtkomitees“ gegründet und anonyme sowie nicht-anonyme Fluchthelfer verbesserten die Chancen zur Flucht. Da immer mehr Juden fliehen mussten entstand mit der Zeit eine Art „Fluchtgeschäft“ und Juden mussten viel Geld bezahlen um Hilfe zu bekommen. Juden mit viel Geld und guten Kontakten in Deutschland und im Ausland hatten somit sehr viel bessere Fluchtmöglichkeiten. Da es aber auch Juden gab, die sich dies nicht leisten konnten, wurde dann spontan Kinder nach einer unbewachten Stelle gefragt. Diesen Kindern musste man nicht viel Geld geben und die Kinder konnten kaum bestraft werden falls sie erwischt würden.

Da fragten die Juden: „Wo haben wir denn die Grenze?“ Wo die Juden herkamen, weiß ich nicht mehr so genau. Dann fragten sie uns junge Burschen: „Wisst ihr denn ein Loch, wo wir herüber kommen?“ 5 oder 6 Juden habe ich bis an die Grenze im Mariental gebracht. Die haben mir dann 20 RM in die Finger gedrückt. Das war für uns Kinder schon viel Geld. Und uns Kindern konnten sie ja nichts. Auch wenn schon mal denunziert wurde, dann konnten sie uns ja nur eine kräftige Abreibung geben. Andere aber z. B. in Oberforstbach haben hingegen Juden über die Grenze in großer Zahl herüber geschoben. Aber die haben bezahlen müssen. Tausende.

(Herr Anton Jennes, 19.7.1999)

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