The Kids are alright? – Unterrichten im Zeitalter der digitalen Revolution

Ein Kommentar

Mit dem Titel „the Kids are alright“ resümierten Johnny und Tanja Haeusler während der re:publica 2014 ihren bildungstheoretischen Anspruch. Thema war die Konfrontation der Verantwortlichkeit mit den Gefahren des „Kulturraums Internet“ oder prägnanter ausgedrückt: die Angst der Eltern und Pauker vor dem, was die Kinder in ihrer Freizeit berührt und beschäftigt. Vielfach ist hierbei die Rede vom Kontrollverlust, der sich darin äußert, dass die eine  Seite abgeschirmt zu sein scheint von einer Welt, in der sich die nachwachsende Generation täglich bewegt. Die Medienpädagogik spricht in diesem Zusammenhang von den digital natives, die in diese Welt hineingeboren sind, während die digital immigrants die sich neu auftuenden Bereiche im besten Falle staunend beobachten.

Im schulischen Bildungssektor potenziert sich diese Angst vor dem Unbekannten sogar noch geballter, da wir die Geschwindigkeit der medialen Entwicklung täglich erleben, ohne jedoch tatsächlich teilzunehmen. Dies dem typischen Altersdurchschnitt der Lehrer zuzuschreiben, wäre allerdings zu einfach. Selbstverständlich gibt es die medial zwanghaft überforderten Kollegen, die schon gegenüber der einfachsten Email-Kommunikation kapitulieren, aber sie bilden wirklich die Ausnahme. Zudem stellen sie zumeist auch nicht den Anspruch einer mediendidaktisch differenzierten Unterrichtsarbeit, sondern sind einfach klassische Vertreter ihrer Zunft. Dies ist meiner Meinung auch gar nicht zu beanstanden, da der fachliche Anspruch nicht notwendiger Weise mit medialer Vielfalt einhergehen muss. Bewusstsein entsteht nicht durch den Konsum von Medien, sondern durch Auswahl und Rezeption derselben. Neben den fachlichen Fähigkeiten ist es die Persönlichkeit und nicht die vielen bunten Kärtchen, die letztlich einen guten Lehrer ausmachen. Wer etwas anderes behauptet, vergisst all die vielen guten Pauker seiner eigenen Jugend, die in ihrer Arbeit nun mal nicht mit Beamer und youtube gesegnet waren.

Einen wesentlichen Faktor unserer mediendidaktischen Angst sehe ich tatsächlich in der Angst vor dem Kontrollverlust. Johnny Haeusler sagt: „lasst sie in Ruh“ und meint damit, die Möglichkeit des freien Umgangs mit den verschiedenen Arten und Angeboten der Medien – selbst wenn wir sie nicht verstehen. Leitgedanke ist der positive Wunsch nach freier Kreativität und Entwicklung, für die Welt von morgen. Ein schönes Ziel, das ich sofort mittrage, das aber – zu meinem großen Leidwesen – im Refugium Schule so nicht funktioniert. Schule ist kein freier Raum, das muss in aller Deutlichkeit gesagt werden. Schule gibt einen freien Raum vor, der dort seine Grenzen hat, wo Unbedarfte oder Dritte Schaden anrichten können. Diese von außen geschaffenen  Schranken mögen sich in den Ohren eines Netzaktivisten verständlicher Weise falsch anhören, doch sind sie zwingend notwendig, da Entwicklung auch immer des Schutzes bedarf. Schüler müssen sich darauf verlassen können, dass sie bei all ihrem Handeln – und Handeln bedeutet letztlich Lernen – ein Sicherheitsnetz schützt. Diese Versicherung, die wir bereits vom Elternhaus her kennen (sollten), begleitet dabei nicht nur, sie regt sogar an. Dass Grenzen förderlich sein können mag zunächst ein seltsamer Gedanke sein, doch ist er ganz im Sinne des profanen Sprichwortes: Laufen lernt man nur durchs Hinfallen. Und Schüler müssen fallen können, ohne dabei gleichzeitig mit der ganzen Härte der Realität konfrontiert zu werden. (Das ist im Übrigen etwas anderes als jemanden in Watte zu packen, weil dies wiederum implizieren würde, Stürze von vornherein zu verhindern.)

Wenn ich dies im Rahmen unseres Aufhängers The kids are alright(?) betrachte, komme ich als Klassenlehrer und Praktiker unweigerlich zu dem  Schluss: obviously not! Als Student und auch später noch als Referendar habe ich die mediale Entwicklung mit leuchtenden Augen verfolgt. Die nahezu endlosen Möglichkeiten der Kommunikation und die Chance zu jedem Zeitpunkt an beinahe jede Information gelangen zu können, schien ein neues Zeitalter anbrechen zu lassen, das uns – ginge man es nur richtig an – endlich das Ideal des bewusst reflektierenden Schülers ermöglichen würde. Es mag ja lächerlich klingen, aber ich empfand diese Medienrevolution lange Zeit als meine persönliche Phase der Aufklärung. Künftig würden die Schüler über nationale Grenzen hinaus kommunizieren und  aus der Vielfalt der dargebotenen Medien und Informationen einen wachen und kritischen Geist entwickeln, den ich bis heute noch immer mit der pädagogischen Worthülse des „Bürgers“ verbinde.

Heute – knapp 5 Jahre später – bin ich nüchterner. Ich habe Blogprojekte gemacht, Podcasts besprechen und individuelle google-maps-Karten mit lokalen Informationen befüllen lassen. Ich besitze einen extra Lehrer-Account bei Facebook und stelle den Schülern alle meine Unterrichtsmaterialien in einer Cloud zur Verfügung. In beinahe jedem Raum gibt es Smartboards, Beamer, Visualizer und mittlerweile auch ca 15 Tablets. Dennoch ist das Ergebnis unbefriedigend und ich habe das Gefühl, dass meine Schüler auch ohne diesen Schnickschnack genauso weit wären. Die Verbindung aus medialer Lebenswelt und Schule ist trotz aller Bemühungen letztlich nicht gelungen. Mehr noch, ich habe vielfach die Erfahrung gemacht, dass das Mehr an Medien zu einer oberflächlichen Wahllosigkeit führt, die im krassen Gegensatz zu dem steht, was ich vorher erwartet hatte. Von den 1000 möglichen Bildern, die man gesammelt hat, schaut man sich dennoch keines an. In ähnlicher Weise lässt sich dies auch auf die tägliche Recherche- oder Anwendungsarbeit im Unterricht übertragen. Intellektuell betrachtet ist die bunte Informationswelt daher bislang eine Enttäuschung. Vor allem aber auch weil ich bislang gegen meine Idealvorstellung des wissbegierigen Schülers pralle, der sich mit Freude auf die sich bietenden Möglichkeiten stürzt. Von wenigen Aktivkräften abgesehen, bildet diese Form eher die Ausnahme. Hier gilt es viel zähe Motivationsarbeit zu leisten.

Was ich schmerzlich vermisse ist eine praktische Idee, die über die Anwendungsmöglichkeiten hinausgeht. Ein zündender Funkte, der meine vielen passiven Konsumenten in aktive Teilnehmer verwandelt. Und natürlich auch eine institutionelle Auseinandersetzung mit dem Thema. Denn wenn wir ehrlich sind, ist die technische Entwicklung der letzten Jahre im Bildungssektor nicht genügend wahrgenommen worden. Dies erkennt man bereits daran, dass 10 von 10 Schulen lieber ein generelles Handyverbot aussprechen, als sich aktiv um einen Medienbeauftragten zu bemühen oder zumindest einer – von den Fächern losgelösten – Aufklärungsarbeit zu verschreiben. Die Anforderungen an die Schule waren und sind in diesem Zusammenhang natürlich hoch, doch aus fachlicher Perspektive gerade aufgrund einer permanenten Ambivalenz gesellschaftlichen Lebens auch unheimlich faszinierend. Dennoch muss unbedingt mehr passieren – aber im institutionellen Rahmen, denn das Gros der Lehrer ist durchaus bereit loszulegen.

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2 Responses to The Kids are alright? – Unterrichten im Zeitalter der digitalen Revolution

  1. Ich habe nie daran geglaubt, dass die Geräte allein einen Unterschied machen können. „Das Internet erklären“ kann ich auch auf einem Stück Papier (es fehlt dann vlt. der NSA-Bereich … ;)).

    Für die erste Faszination sind Geräte vielleicht okay, aber du hast recht: Es braucht mehr als Möglichkeiten, sondern konkrete Anwendungsfälle. Ich glaube die suchen wir alle noch, Lehrkräfte genauso wie Schülerinnen und Schüler. Wir brauchen Zeit, den sinnvollen Weg zu finden, nicht den, der am meisten blinkt.

    Neulich habe ich davon gehört, wie eine Klasse mit einem Geo-Caching-Spiel Landvermessung betrieben hat. Die spielerisch erfassten Daten wurden später ausgewertet und (auch ohne Digitales) mathematisch bearbeitet Ich fand, das klang sinnvoll. Sobald die digitalen Helfer das unterstützen, was Lehrerinnen und Lehrer gut können, machen sie Sinn. Sie stiften allein aber keinen.

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