Die Emanzipation Schottlands – eine Chance?

In knapp zwei Wochen stimmen die Schotten über ihre Unabhängigkeit ab. Ein Vorgang, dem ich eigentlich erst jetzt – in seiner letzten Phase – etwas mehr Aufmerksamkeit schenke. Wozu auch? In meinem Umkreis ist man sich einig, dass es sich dabei eigentlich nur um die Schnapsidee einiger romantischer Traditionalisten handeln kann, die meinen, dass man es nach der endgültigen Niederlage von 1746 eigentlich noch mal probieren müsse. Eigentlich eine Eintagsfliege wie so manche Onlinepetition.

Schottlands Erster Minister Alex Salmond und Stellvertreterin Nicola Sturgeon beim Start der National Conversation, 14. August 2007
Schottlands Erster Minister Alex Salmond und Stellvertreterin Nicola Sturgeon beim Start der National Conversation, 14. August 2007

Dennoch scheint das Empire mit Näherrücken des 18.Septembers immer mehr in Aufruhr zu geraten. Plötzlich ist von Zahlen um 40 – 51 Prozent die Rede, die angeblich für eine Abspaltung vom Mutterland stehen. Unglaubliche Quoten, die gerade für uns Außenstehende nicht nachvollziehbar sind. Vor allem, da es noch so unglaublich viele offene Fragen gibt: Welche Währung soll das Land besitzen? Welche Staatsform will man annehmen? Was ist eigentlich mit den ganzen Engländern die in Schottland arbeiten, wohnen oder geheiratet haben? Bräuchten die einen neuen Status? Lässt sich eine historisch-kulturell doch noch gewachsene Einheit eigentlich einfach so kappen? Schließlich handelt es sich bei den Schotten nicht um ein brutal unterdrücktes Völkchen, das sich freikämpfen muss, sondern um eine mehr oder wenig stabile Beziehung, die seit nunmehr 300 Jahre besteht.

All diese Punkte, die letztlich doch nur die Spitze des Eisberges zeigen, lassen uns kopfschüttelnd zurück. Und doch… Und doch könnte dieses absurd erscheinende historische Referendum auch der Beginn einer größeren Entwicklung sein. Ökonomisch betrachtet ergibt eine Abspaltung vom Mutterland kaum Sinn. Dafür subventioniert der britische den kleinen Rebellenstaat in allen Belangen viel zu sehr. Das prägende Argument betrifft meiner Meinung nach vor allem die emotionale Ebene der Debatte. Emotional gesehen hätte ein souveränes Schottland die Möglichkeit, sich zukünftig selbst nach eigenen Belangen zu entwickeln. Weg von einem größeren Staatenbund hin zu mehr lokaler Eigenständigkeit. Könnte darin nicht auch eine Chance liegen? Es mag anfangs durchaus wie eine romantische Schwärmerei klingen, da es an handfesten Argumenten und Zahlen fehlt, aber ich meine durchaus, dass die Entwicklung lokaler Eigenständigkeit auch als Vorbild für die Zukunft stehen könnte.

Betrachten wir das Ganze auf der Ebene der Globalisierung, so liegt die Hinwendung zur Regionalität in Europa sogar im Trend. Trotz aller Unkenrufe kam es bislang zu keiner kulturellen Gleichmacherei. Der Äppelwoi blieb trotz aller Befürchtungen und EU-Bestrebungen Hessens beliebtester Exportartikel und auch in anderen kulturellen Bereichen haben wir es mit einer – zuvor kaum vermuteten – regionalen Gegenbewegung zur globalen Übermacht zu tun. All dies zeigt letztlich, dass im Lokalen durchaus Kraft vorhanden ist, die auch über die Nationalstaatlichkeit hinaus besteht und Geltung besitzt. Warum sollte sich dies nicht auch auf der politischen Ebene nutzbar machen lassen?

Im Grunde ist die schottisch-englische Auseinandersetzung auch Ausdruck der Frage welche generellen Anforderungen wir heute an die Funktion eines Nationalstaates stellen. Auch hier scheint die Entwicklung eher in Richtung Dezentralisierung zu gehen. Man erinnere nur an die Debatte um die Vereinigten Staaten von Europa. Klar würden die Nationalstaaten in diesem System so manche Befugnisse an die Europäische Union verlieren, doch was hieraus im Gegenzug entstünde, wäre ein föderales System politisch souveräner und mehr oder weniger gleichberechtigter europäischer Staaten. Ein zentralistischer Staatsaufbau scheint in Zeiten immer stärkerer transnationaler Bande ohnehin nicht mehr zeitgemäß.

In ein ähnlich geartetes System ließe sich auch Schottland integrieren. Denn auch wenn es in der Debatte oftmals nicht ganz deutlich wird, favorisieren auch die Schotten keine völlige Abkehr von England, sondern ein föderal gegliedertes System, in welchem ihnen politische Souveränität zugestanden wird. Dies schließt ein Weiterbestehen – beispielsweise kultureller oder ökonomischer Bande – durchaus nicht aus. Es wäre quasi eine im Trend liegende Emanzipation vom Mutterland, mit dem Gedanken zukünftig auf Augenhöhe zusammenarbeiten zu können. Ein „better together“ – quasi.

Die ökonomischen Gegenargumente der Unionisten lassen sich dadurch sicher nicht außer Kraft setzen, aber das müssen sie meiner Meinung auch nicht. Niemand kann tatsächlich vorhersagen, welche ökonomischen Auswirkungen eine Abspaltung wirklich haben würde. Vielmehr sind derartige Argumente oftmals Ausdruck einer konservativen Unwilligkeit etwas zu verändern zu müssen. Da diese kaum entkräftet werden können, funktionieren sie quasi immer im Sinne der Gegenpartei. Bliebe es bei dieser Ablehnung, würden wir stagnieren und gar nichts mehr wagen.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Allgemein und getaggt als , , , , . Fügen Sie den permalink zu Ihren Favoriten hinzu.

Kommentar verfassen